Die Stadt Am Schnittpunkt Einer Neuen Geschichte

Mitte des 20. Jahrhunderts befanden sich viele unserer Städte im physischen Verfall. Sie erlebten einen Rückgang ihrer Bevölkerung, ihrer wirtschaftlichen Aktivität, ihrer volkswirtschaftlichen Schlüsselfunktionen und ihres Anteils am nationalen Wohlstand. Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert gewinnen Städte wieder an Bedeutung – als strategisch wichtige Orte für Dynamik und eine Vielzahl von Projekten. Mithilfe des Urban Age-Projektes konnte dies für mehrere sehr unterschiedliche Städte festgestellt werden.

NEUE WIRTSCHAFTLICHE GESCHICHTE SCHREIBEN
In einer immer globaleren Welt ist die neue wirtschaftliche Rolle von Städten entscheidend und bildet zum Teil die Basis für alle anderen Dimensionen. Die Schaffung von geographischen Verbindungen zwischen Städten liefert die Infrastruktur für eine neue globale Wirtschaft, für einen neuen Kulturraum und für eine neuartige Politik. Einige dieser interstädtischen Geographien sind dicht und gut sichtbar – der Strom von Berufstätigen,Touristen, Künstlern und Migranten zwischen bestimmten Gruppen von Städten. Andere sind wiederum dünn und kaum zu erkennen – die hochspezialisierten Netzwerke finanziellen Handels, die bestimmte Städte miteinander verbinden, und die Netzwerke beteiligter Wertpapiere oder des globalen Warenflusses von Export- zu Importknotenpunkten.

Diese Kreisläufe sind multidirektional und verlaufen kreuz und quer über den Globus. Sie fließen in interstädtische Geographien ein – mit erwarteten und unerwarteten strategischen Knotenpunkten.Zum Beispiel ist New York der globale Marktführer bei Handelspapieren für Kaffee, obwohl dort nicht eine einzige Bohne angebaut wird.Doch sogar ein weitaus weniger mächtiges finanzielles Zentrum, Buenos Aires, ist Weltmarktführer: bei Handelspapieren für Sonnenblumenkerne. Städte, die in viele oder einige globale Kreisläufe eingebunden sind, integrieren sich in klare, oft hochspezialisierte interstädtische Geographien. Verfolgte ich nun die globalen Kreisläufe von Gold als Handelspapier, stieße ich auf London, New York, Chicago und Zürich als dominierende Städte. Beobachtete ich jedoch den direkten Handel mit diesem Metall, erscheinen Johannesburg,Mumbai, Dubai und Sydney auf der Landkarte. Die Zahl der Städte, die in diese interstädtische Geographie eingebunden werden, wächst rapide. Zum Beispiel haben die 100 größten globalen Dienstleistungsunternehmen zusammen Tochterfirmen in 315 Städten weltweit. Der Blick auf die Globalisierung durch die Brille dieser Spezifika ermöglicht uns, die besonderen und vielschichtigen Funktionen von Städten in der globalen Wirtschaft wiederherzustellen.

Obgleich viele dieser globalen Kreisläufe schon seit langem bestehen, begannen sie sich zusammen mit ihren immer komplexer werdenden organisatorischen und finanziellen Strukturen in den achtziger Jahren stark zu vermehren. Die neue Herausforderung der Koordinierung, Regelung und Pflege dieser zunehmend komplexeren und spezialisierteren riesigen wirtschaftlichen Kreisläufe verleiht den Städten nunmehr ihre strategische Bedeutung.

NEUE RÄUMLICHE GESCHICHTE SCHREIBEN
Eine der vielleicht größten Ironien unseres globalen und digitalen Zeitalters ist, dass es nicht nur eine enorme Zerstreuung, sondern auch eine extreme Konzentration von Spitzenressourcen an einer begrenzten Anzahl von Orten hervorgerufen hat. In der Tat ist der organisatorische Teil der heutigen globalen Wirtschaft in einem Netzwerk von ca. 40 großen und weniger großen Weltstädten angesiedelt und wird ständig neu definiert. Das Netzwerk umfasst alle am Urban Age- Projekt beteiligten Städte. Diese globalen Städte müssen deutlich von Hunderten anderen unterschieden werden, die häufig nur an wenigen globalen Kreisläufen beteiligt sind: Obwohl diese Städte von der globalen Wirtschaft gelenkt werden, fehlt ihnen doch der Reichtum an Mitteln, um die globalen Geschäfte von Unternehmen und Märkten zu führen und zu pflegen. Der Grund für diese neue strategische Funktion kann im folgenden Mikrokosmos erfasst werden: Je stärker die Geschäfte eines Unternehmens globaler Natur und seine Produkte digitalisiert sind, desto komplizierter wird die zentrale Funktion seines Hauptsitzes, desto höher der Bedarf an einem dichten, ressourcenreichen städtischen Umfeld.

Folglich bekommt die Wechselwirkung von Zentralität und Dichte in globalen Städten eine völlig neue strategische Bedeutung.Die „urban footprint“ der globalen Kapitalwirtschaft dehnen sich immer weiter aus. Diese Ausdehnung kann in Kilometern sowie in wachsenden Dichten gemessen werden.Die fünf am Urban Age-Projekt beteiligten Städte, mit denen wir uns bisher beschäftigt haben, zeigen alle eine Ausdehnung und Vervielfachung zentraler Räume sowie physischer Dichte. Dies ist die städtische Gestaltung, die eine immer komplizierter werdende Anzahl von Aktivitäten der Leitung, Pflege,Konzeption, Durchführung und Koordinierung der Konzerne und Märkte beherbergt. Architektur, Stadtplanung und Bauwesen spielten eine entscheidende Rolle bei der Errichtung neuer, ausgedehnter Standorte für diesen organisatorischen Teil der globalen Wirtschaft. Dies ist Architektur im Sinne von bewohnter Infrastruktur.

Die viel diskutierte Homogenisierung der städtischen Landschaft dieser Städte ist auf zwei verschiedene Bedingungen zurückzuführen. Die eine ist die Welt der Konsumenten mit homogenisierenden Merkmalen, welche durch Förderung der Expansion und Standardisierung globale Märkte schaffen. Dies muss jedoch von der organisatorischen Homogenisierung der globalen Wirtschaft unterschieden werden – modernste Geschäftsbezirke, Flughäfen, Hotels, Dienstleistungen und Wohnkomplexe für die strategisch wichtigen Arbeitskräfte. Diese Neugestaltung wird den Bedürfnissen gerecht, diese neuen Ökonomien und ihre politischen und kulturellen Wirkungen zu beherbergen. Ich würde sagen, dass diese homogenisierte Umwelt für äußerst komplexe und globale Funktionen einer Infrastruktur ähnelt, wenngleich nicht im konventionellen Sinne dieses Wortes. Es ist viel mehr, als nur ein visuelles Zeichen, das einen hohen Entwicklungsstand signalisieren soll, wie in so vielen Artikeln zu dem Thema postuliert und von so vielen Entwicklern als Meinung geteilt.

Wir müssen über visuelle Zeichen und homogenisierende Wirkung hinaus blicken, unabhängig davon, wie bedeutend die Architektur ist. Wir müssen verstehen, was dieser homogenisierten, hochmodernen städtischen Landschaft zugrunde liegt, die in jeder Stadt erzeugt wird. In diesen Städten werden wir viel mehr Vielfalt und herausragende Spezialisierungen finden, als es von neu gebauten städtischen Landschaften zu erwarten wäre. Die globale Wirtschaft benötigt eine standardisierte globale Infrastruktur, wobei globale Städte die komplexesten Infrastrukturen darstellen. Doch die tatsächlichen wirtschaftlichen Vorgänge, besonders ihr organisatorischer Teil, profitieren von der spezialisierten Differenzierung. Während also die globale Wirtschaft mit der Einbeziehung immer mehr nationaler Ökonomien expandiert, sind es hauptsächlich die globalen Städte, in denen der spezialisierte Nutzen einer Volkswirtschaft erfasst wird.Diese Arbeit erfordert modernste Geschäftsbezirke und alle Voraussetzungen eines luxuriösen Lebens. In dem Sinne ist also diese architektonische Umwelt näher an der bewohnten Infrastruktur – bewohnt von spezialisierten Funktionen und Akteuren.

NEUE STÄDTISCHE GESCHICHTE SCHREIBEN
Diese Bedingungen haben verschiedene Reaktionen hervorgerufen, angefangen von einer neuen Leidenschaft für die künstlerische Betrachtung der Stadt, über ihre Erhaltung bis hin zur Sicherung des Aspektes des öffentlichen Raums. Die gewaltigen Ausmaße der heutigen städtischen Systeme führen zu einer Neubewertung des Terrain Vague und von „bescheidenen“ Räumen – Orte, an denen menschliches Handeln zur Schaffung öffentlichen Raums jenseits von monumentalisierten Orten von Staat und Krone beitragen kann. Mikroarchitektonische Eingriffe und informelle Architektur schaffen komplexe Bauformen an standardisierten Orten. Diese Art der Komplexität kann wiederum die Menschengruppen an bestimmten Orten zu den jeweiligen Tages- oder Nachtzeiten einbeziehen.

Als Teil dieser entwickelten städtischen Ökonomien entstehen in allen am Projekt beteiligten Städten im Norden wie im Süden ausgedehnte informelle Ökonomien. Informalisierung wird leicht als Anomalie abgetan, als etwas, das zur alten Schule gehört. Meiner Ansicht nach ist sie jedoch Teil des fortgeschrittenen Kapitalismus. Informalität hat eine ganze Bandbreite neuer Bedeutungen angenommen. Auf der abstraktesten Ebene kann sie als eine Vervielfältigung aller in der Großstadt möglichen ökonomischen, künstlerischen und beruflichen Handlungen betrachtet werden. Komplexe Städte erlauben diese Multiplikation und Diversifizierung anders als gepflegte Vororte. Während Informalität auf der einen Seite eine Form der Ungerechtigkeit und Machtlosigkeit ist, befähigt sie auf der anderen Seite den Akteur zum „Schaffen“ neuer Ökonomien – und fungiert als eine Form des Überlebens, aber auch der Kreativität. Viele Einwanderer machen ihre ersten unternehmerischen Erfahrungen in der Schattenwirtschaft, weil diese eine – sagen wir mal – mehr experimentelle Geschäftsform ermöglicht. Viele Großindustrielle im Silicon Valley begannen ihre Arbeit informell in kleinen Werkstätten. Wir sahen aber auch in jeder unserer Urban Age-Städte von Mexiko bis Berlin informelle architektonische Werke.

Wachsende Ungleichheit und die starke Machtkonzentration, die heute in den größten komplexen Städten zu beobachten sind, schaffen einen Grundkontext, in dem einige dieser Trends positioniert werden müssen. Ungleichheit gab es schon immer in Städten; was wir jedoch heute neben den bekannten Formen erleben, ist eine neue Art von Ungleichheit. Obdachlosigkeit gibt es schon seit langem. Doch während früher meist alleinstehende Männer – Landstreicher – betroffen waren, geht es heutzutage um Familienobdachlosigkeit. In Städten stellen Kinder den größten Anteil an Obdachlosen dar. Diese sozialen und räumlichen Ungleichheiten sind wahrscheinlich in globalen Städten am schärfsten und auffälligsten ausgeprägt.

Es werden auch neue technologische Geschichten geschrieben. Die Stadt ist ein Moment in oft komplexen Vorgängen, die teilweise elektronisch (z.B. elektronische Märkte) oder Teil versteckter Infrastrukturen sind (z.B. Glasfaserkabel). Eingebettete Softwareprogramme zur Bedienung öffentlicher Systeme,wie z.B. öffentlicher Nahverkehr und öffentliche Überwachung, bilden in immer mehr Städten eine unsichtbare Schicht. Solche eingebetteten Softwareprogramme werden von logischen Vorgängen geleitet, die nicht unbedingt Teil des gesellschaftlichen Repertoires sind, mit dem wir diese Systeme verstehen. Die Verbreitung von eingebetteter Software in immer mehr Infrastrukturen des täglichen Lebens bedeutet, dass wir zunehmend mit technologischen Produkten umgehen werden. Technische Produkte werden immer mehr zu Akteuren in den Netzwerken, durch die wir uns bewegen. Gebäude sind heute Orte, an denen dichte Vernetzungen solcher Interaktionen stattfinden. Diese intensiven Konzentrationen von Infrastrukturen mit eingebetteten Softwareprogrammen und Anschlussfähigkeit für den digitalisierten Raum machen die Großstadtfür den Normalbürger weniger durchdringbar.

DAS POLITISCHE NEU DEFINIEREN
Die Großstadt ist möglicherweise auch der Ort, an dem all diese Systeme sichtbar werden können. Dieses Potenzial wird durch vielfache, teilweise in Städten vorhandene wirtschaftliche, kulturelle und subjektive Globalitäten weiter verstärkt. Dies bringt wiederum politische Aufgaben mit sich: Zu verschiedenen Zeitpunkten unserer Geschichte waren Städte Orte, an denen die Gesellschaft politisiert wurde. Heute erleben wir wieder so eine Zeit. Städte sind heute das Terrain, auf dem sich Menschen aus der ganzen Welt auf eine Weise begegnen wie sonst nirgendwo. In diesen komplexen Städten kann Vielfalt im Alltag, am Arbeitsplatz, im öffentlichen Nahverkehr, bei Ereignissen wie Demonstrationen oder Festivals erfahren werden.Wenn mächtige globale Akteure wachsende Anforderungen an städtischen Raum stellen und damit weniger mächtige Verbraucher ausstechen, wird städtischer Raum darüber hinaus durch ihre Erneuerung politisiert.Dies ist Politik, eingebettet in die Physikalität der Großstadt. Die sich daraus bildende globale Bewegung für die Rechte der Großstadt ist ein symbolisches Beispiel für diesen Kampf. Mit der Urbanisierung von Rechten werden diese konkret: Recht auf öffentlichen Raum, auf öffentlichen Nahverkehr, auf eine gute Wohngegend.

Eine Frage ist, ob diese Konflikte eine neue Art der Politik bewirken. Eine Politik,welche die Vielfalt interstädtischer Netzwerke zu Plattformen für globales Regieren macht. Die meisten sozialen, politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen sind in Städten zu finden, oft in ihrer extremsten, aber auch verheißungsvollsten Form: die schärfste Nebeneinanderstellung von arm und reich; der Kampf um Wohnungen; Politik gegen Immigranten, aber auch unterschiedliche Formen der Integration und der Vermischung; die mächtigsten und globalsten Ökonomien, aber auch die Verbreitung informeller Ökonomien; die mächtigsten Immobilienunternehmer und schließlich auch die größte Gruppe von Bauhandwerkern der Welt – Menschen, die Barackenbehausungen bauen.
Wie sollten wir da nicht fragen, ob Städtenetzwerke zur Plattform für neue Formen globaler Regierung werden können?

Saskia Sassen, Centennial Visiting Professor, LSE and Ralph Lewis Professor of Sociology, University of Chicago

Übersetzt aus dem Englischen von Julia Máté