Verschwindet Das Konzept Des Öffentlichen Raums?

Hat das allmähliche Schwinden öffentlichen Raums Auswirkungen auf unser Städtekonzept?

Öffentlicher Raum? Der Begriff „öffentlicher Raum“ ist sehr komplex. Durch freiwillige Bemühungen, ehemals verfallene Orte wiederzubeleben, haben die Städte New York und London stufenweise die von ihnen gewünschten Nutzer für die zukünftig zu verschönernden Orte definiert. Diese Orte sehen wie öffentliche Plätze aus, werden in Wahrheit aber entweder von privaten Sicherheitsfirmen (z.B.Uferpromenaden oder Einkaufspassagen), oder von öffentlich angestelltem Sicherheitspersonal (z.B. halböffentliche Parks) oder von Polizisten bewacht. Es sind nicht gesetzeswidrige Handlungen, die zu Strafmaßnahmen führen, sondern die Zugehörigkeit zu unerwünschten Gruppen, die Polizeikontrollen oder ein Nutzungsverbot nach sich ziehen. Dies ist der Fall z.B. in Shanghai, wo öffentliche Räume, wie der Bund entlang des Flusses, oder öffentliche Gärten, welche die verschiedensten Spaziergänger inmitten einer erfreulichen Vielfalt und Bevölkerungsdichte zum Flanieren einladen. Doch die Überwachung ist allgegenwärtig, wenn auch nicht offensichtlich. Sie wirkt auf zweierlei Weise: zum einen durch die verdeckten Polizisten, die sich unter die Menschenmengen mischen, um von dort aus die Ordnung zu hüten überwachen und zum anderen durch das gesellschaftsinterne soziale Überwachungssystem, das immer dann wirksam wird, wenn die nicht „Dazugehörenden“ von anderen Mitbürgern augemacht werden. Freiheit ja, aber mit Überwachung.

Und wie sieht es mit den beiden anderen großen Metropolen im Süden aus, die zur Auswahl von „Urban Age”gehören?

Mehr als eine Million Bewohner von Mexiko City spendeten je einen Peso, um einer dieser zahlreichen utopischen Visionen eines Parks zur Realisierung zu verhelfen, der eine große Vielfalt von Besuchern gleichzeitig an einen Ort zusammenführen sollte. Das Ziel der Architekten war, den sozialen Zusammenhalt über gesellschaftliche Grenzen hinweg zu fördern, wobei sie auf das universelle Bedürfnis nach Ruhe, Unterhaltung und Erholung innerhalb der Städte setzten. Jedoch sind hier Mikrokontrollsysteme installiert. Wachleute sorgen dafür, dass durch die Regelung von Bewegungen der reibungslose Ablauf von Vorgängen gewährleistet wird. Sie gehen unbemerkt vor, interpretieren und bewerten Situationen und schätzen sie ein. Sie stellen Alternativen zu Überwachungskameras und anderen hoch technischen Überwachungsmethoden dar.

Johannesburg ist wahrscheinlich der problematischste Fall. Hier steht der Bevölkerung im Verhältnis zu ihrer Vielfalt und Dichte äußerst wenig öffentlicher Raum zur Verfügung, ganz anders als in Rio (Copacabana) oder São Paulo (Avenida Paulista). Merkwürdig ist, dass trotz der Bemühungen der Johannesburger Stadtverwaltung der Bevölkerung nach wie vor so viele öffentliche Straßen verwehrt bleiben. Es gibt hier viermal so viele private Wachleute wie reguläre Polizisten. Dies ist die zweithöchste Anzahl auf der Welt, ein Zustand, der Wohnsiedlungen zu Festungen macht, ohne dass es eine echte öffentliche Diskussion darüber gäbe. Wir wissen, dass Reformen im Gang sind und dass es sich bei Südafrika um ein erst zwölf Jahre junges Land handelt. Es scheint jedoch, dass unzureichende Unterstützung und Mittel diese Veränderungsprozesse verlangsamen werden.

Wir dürfen nicht ignorieren, dass Gewalt in Städten als Vorwand dafür benutzt wird, sich gegen ein Zusammenleben zu wehren, und dass Einzäunung die Absonderung nur verstärkt. Eine solche Haltung ist für Städte fatal. Ein anti-städtischer Diskurs, bei dem Städte, Angst und Gewalt in direkte Verbindung gebracht werden, sollte vermieden werden. Die Antwort auf Angst in der Stadt ist nicht, sich aus der Stadt zurückzuziehen, sich zu bewaffnen und in einer eingezäunten Siedlung Zuflucht zu suchen. Norman Foster machte in Venedig den mutigen Vorschlag, dass diejenigen, die sich vom Rest der Welt zurückziehen wollen und damit zum Phänomen der Zersiedelung beitragen, sehr hohe Steuern zahlen sollten. Wenn die wenigen Glücklichen Straßen und Kraftwerke benötigen, damit sie draußen am Rande wohnen können, ziehen sie damit in der Tat Mittel und Energie ab, die der Verbesserung von allgemeinen Dienstleistungen und Räumen für das Wohl der Gemeinschaft zur Verfügung stehen sollten. Nicht die Gestaltung exklusiver, sondern mehr „inklusiver“, also eingliedernd wirkender Städte ist DIE Lösung.

Natürlich sind Lösungen kompliziert und müssen auf die jeweilige Stadt zugeschnitten sein, doch es gibt sie. (Manchmal sind schwierige und kostspielige Verhandlungen über Grundbesitz und Eigentumsverhältnisse notwendig.) Teams innovativer Architekten, Planer, Gelehrter, Bürgermeister und Gemeindevertreter, welche die Wünsche verschiedener Einwohner zum Ausdruck bringen, haben gelernt, wie sie das soziale Gewebe neu weben und zwischen Raum und Nutzern interagieren können. Die Wiederherstellung verwahrloster Wohnviertel kostet Zeit, Geduld, Vorstellungskraft, Fähigkeiten und Mittel.

Es gibt reichlich Erfolgsbeispiele, und diese sollten öffentlich diskutiert werden. Dies ist der Zweck von Urban Age. Manchmal siedeln sich hochtechnologische Firmen an einem unerwarteten Ort an. Eine Folge davon ist, dass sich der öffentliche Verkehr verbessert, und eine beträchtliche Anzahl günstiger Wohnungen für den Mittelstand verwandeln das Gesicht des Ortes. Ähnliche Auswirkungen können z.B. eine künstlerische Einrichtung in Mexiko City, eine Universität oder ein Forschungszentrum mit hochwertigem Know-how oder ein neues Gericht mit Sozialdiensten für eine ärmere Gegend in New York haben. Jeder dieser Ansätze offenbart eine Mischung verschiedener Vorstellungen, Meinungen, Wissens,- und Ausbildungshintergründe sowie politischer Motivationen, die Raum und Nutzer miteinander verbinden.

Öffentlicher Raum ist aber in allen Fällen (fast) ein Synonym für Ruhe. Unsichtbare oder sichtbarere „Alchemisten“ können jedem (Bewohner, Nutzer, Pendler, Investor) ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einem gemeinsamen städtischen Raum vermitteln.

Schließlich machen Städte bezüglich ihrer andauernden Veränderungen und ihrer individuellen Entwicklungsmöglichkeiten in positiver Weise von sich reden.

Sophie Body-Gendrot, Director and Professor of Political Science and American Studies, Center for Urban Studies, Sorbonne, Paris
Übersetzt aus dem Englischen von Julia Máté