Die Offene Stadt

DAS GESCHLOSSENE SYSTEM
Die Städte, in denen wir leben wollen, sollen sauber und sicher sein, mit effizienten öffentlichen Dienstleistungen ausgestattet und von einer dynamischen Wirtschaft getragen. Sie sollten auch kulturellen Anreiz bieten und alles dafür tun, um die Teilung der Gesell-schaft nach Rassen, Klassen und ethnischen Gruppen zu überwinden.Doch die Städte, in denen wir tatsächlich leben, sehen anders aus.

Aufgrund schlechter Regierungspolitik, irreparabler sozialer Probleme und wirtschaftlicher Kräfte, die sich einer lokalen Kontrolle entziehen, erfüllen unsere Städte diese Kriterien nicht. Die Stadt kann nicht über sich selber bestimmen. Und trotzdem, etwas an unserer Vorstellung von einer Stadt ist grundlegend falsch.Wir müssen uns nur vor Augen führen,wie eine Stadt konkret aussehen würde, die sauber, sicher, dynamisch und gerecht ist, die gut funktioniert und Anreize schafft.Wir brauchen diese Bilder, um unsere Politiker kritisch mit dem zu konfrontieren, was sie tun sollten – und gerade diese kritische Vorstellung der Stadt ist schwach. Diese Schwäche ist ein besonders modernes Problem: Die Kunst, Städte zu entwerfen, ließ Mitte des 20. Jahrhunderts drastisch nach. Dies ist ein Paradoxon, denn die Planer von heute verfügen über eine große Bandbreite technologischer Hilfsmittel: angefangen von Beleuchtung bis hin zu Brücken,Tunnel und Baumaterialien, die sich Stadtplaner vor erst hundert Jahren nicht im entferntesten vorstellen konnten. Heute stehen uns mehr Ressourcen zur Verfügung als in der Vergangenheit, doch wir setzen sie nicht ausreichend kreativ ein.

Dieses Paradoxon rührt von einem großen Fehler her. Dieser Fehler ist die übertriebene Festlegung sowohl der optischen Gestaltung der Stadt als auch ihrer sozialen Funktionen. Die Technologien, die das Experimentieren ermöglichen, liegen in der Hand eines Machtsystems von Ordnung und Kontrolle. Stadtplaner sahen den „Kontrollwahn“ von New Labour bereits vor einem guten halben Jahrhundert weltweit voraus. In den Fesseln steifer Bilder und präziser Entwürfe verlor die städtische Fantasie ihre Vitalität. Was der modernen Stadtplanung besonders fehlt, ist ein Gefühl für Zeit – nicht nostalgisch zurückblickende, sondern zukunftsgerichtete Zeit, in der die Stadt, deren Bild sich durch ihre Nutzung verändert, als Prozess verstanden wird. Es ist ein Bild der städtischen Fantasie, gestaltet durch Vorausschau und offen für Überraschungen. Mitte der zwanziger Jahre schien wie ein schlechtes Omen für das Erstarren der städtischen Fantasie Le Corbusiers „Plan Voisin“ für Paris auf. Die Idee des Architekten bestand darin, einen großen Abschnitt des historischen Zentrums von Paris durch einheitliche, x-förmige Gebäude zu ersetzen. Das öffentliche Leben in den Straßen wäre unterbunden und die Nutzung aller Gebäude durch einen einzigen Gesamtplan koordiniert.Die Architektur Le Corbusiers ist nicht nur eine Art industrielle Fertigung von Gebäuden. Indem er das unkontrollierte Stadtleben in den Straßen beseitigten wollte, versuchte er mit dem „Plan Voisin“ gerade die sozialen Elemente der Stadt zu zerstören, die mit der Zeit Veränderungen hervorbringen.Die Menschen sollten oben in den Gebäuden in Abge-schiedenheit leben und arbeiten. Diese Dystopie wurde in unterschiedlicher Weise zur Realität. Der Gebäudetyp aus dem Plan prägte den sozialen Wohnungsbau von Chicago bis Moskau. Die Wohnsiedlungen ähneln Lagerstädten für Arme.Die von Corbusier beabsichtigte Zerstörung des pulsierenden Stadtlebens wurde mit wachsenden Vororten für den Mittelstand, durch den Bau monofunktioneller Einkaufspassagen anstelle von Hauptstraßen, durch umzäunte Siedlungen und durch Schulen und Krankenhäuser, die auf isoliertem Gelände errichtet wurden, zur Realität. Die Verbreitung von Flächennutzungsvorschriften im 20. Jahrhundert ist beispiellos in der Geschichte der Stadtentwicklung. Diese Verbreitung von Vorschriften und bürokratischen Regelungen hat Innovation und Wachstum gelähmt und somit die Stadt in ihrer Entwicklung erstarren lassen. Die übermäßigen Bestimmungen führen zu einem Phänomen, das als die „brüchige Stadt“ bezeichnet werden kann.Moderne Bausubstanz verfällt viel schneller als die aus früheren Jahren.Verändert sich der Nutzungszweck, werden Gebäude heute eher abgerissen als dem neuen Zweck angepasst. Durch die übersteigerte Festlegung von Gestaltung und Funktion wird die moderne städtische Umwelt besonders anfällig für den Verfall. Die durchschnittliche Lebensdauer neuer Sozialwohnungen in Großbritannien beträgt heute 40, die von neuen Wolkenkratzern in New York 35 Jahre.

Man könnte glauben, die brüchige Stadt rege das Wachstum an: Altes wird nun schneller durch Neues ersetzt. Doch die Fakten sprechen wieder dagegen. In den Vereinigten Staaten flüchten die Menschen aus den verfallenden Vororten anstatt neu in sie zu investieren. Wie in Amerika bedeutet „Erneuerung“ der Innenstädte auch in Europa vielmehr das Verdrängen der Menschen, die dort gelebt haben. Das Phänomen „Wachstum“ in einer Stadt ist komplizierter als das einfache Ersetzen dessen, was vorher existierte.Wachstum erfordert einen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, er ist vielmehr Entwicklung als Auslöschung.Dieses Prinzip gilt für die Gesellschaft ebenso wie für die Architektur. Soziale Bindungen können nicht einfach mit dem Stift des Stadtplaners heraufbeschworen werden, sie müssen sich mit der Zeit herausbilden.Die heutigen Methoden des Städtebaus verwehren der Gesellschaft die notwendige Zeit und den Raum für das Wachstum, denn sie fördern die Trennung von Funktionen, bestimmen die Bedeutung von Raum durch Flächennutzungsvorschriften und homogenisieren die Bevölkerung. Die brüchige Stadt ist ein Symptom. Sie sieht die Gesellschaft als ein geschlossenes System.Dieses Konzept zog sich durch den staatlichen Sozialismus des 20. Jahrhunderts und formte den bürokratischen Kapitalismus. Diese Sicht der Gesellschaft hat zwei grundlegende Merkmale: Gleichgewicht und Integration.

Das geschlossene, durch Gleichgewicht regulierte System leitet sich von einer präkeynesianischen Vorstellung über die Funktionsweise der Märkte ab. Dabei wird vorausgesetzt, dass die Einnahmen und Ausgaben unterm Strich im Gleichgewicht sind. Informationsrückkopplungen und interne Märkte sollen in der Städteplanung sicherstellen, dass Programme „ihr Soll nicht überschreiten“, „Ressourcen nicht in einem schwarzen Loch verschwinden lassen“ – so klingen derzeitige Gesundheitsreformen, die den Stadtplanern bezüglich der Verteilung der Infrastrukturmittel für den Verkehr sehr bekannt vorkommen. Eine Sache wirklich gut zu machen wird dadurch verhindert, dass man Angst hat, andere Aufgaben dabei zu vernachlässigen. In einem geschlossenen System passiert gleichzeitig ein bisschen von allem.

Zweitens sollte ein geschlossenes System integrativ sein. Im Idealfall nimmt jeder Teil des Systems einen Platz in einem Gesamtentwurf ein. Die Folge dieses Ideals ist, dass gegensätzliche oder verwirrende Erfahrungen abgelehnt und verworfen werden.Dinge, die nicht „hineinpassen“, haben einen niedrigeren Wert.Mit dem Schwerpunkt auf Integration wird dem Experimentieren ein Riegel vorgeschoben.Wie John Seely Brown, der Erfinder des Computerpiktogramms, einmal sagte, stellt im Moment seiner Geburt jeder technologische Fortschritt eine Gefahr dar, das System zu stören.Die gleichen bedrohlichen Ausnahmen treffen auf die städtische Umwelt zu; Bedrohungen,welchen die moderne Stadtplanung durch Ansammlung einer Vielzahl von Regelungen entgegenzutreten versuchte, die den historischen, architektoni-schen,wirtschaftlichen und sozialen Kontext definieren.Hierbei ist „Kontext“ ein höflicher und dennoch wirksamer Ausdruck, der alles, was nicht hineinpasst, unterdrückt. Dieser Kontext sorgt dafür, dass nichts hervorsticht, aneckt oder angezweifelt wird. Für Bildungsplaner und Stadtplaner belasten also die Sünden des Gleichgewichts und der Integration den Zusammenhalt, nachdem die Planungssünden die Grenze zwischen staatlichem Kapitalismus und staatlichem Sozialismus überschritten haben. So verrät das geschlossene System die Angst der Bürokraten des 20. Jahrhunderts vor Unordnung.

Der soziale Gegensatz zum geschlossenen System ist nicht der freie Markt, und auch ein von Bauunternehmern regierter Ort ist keine Alternative zur brüchigen Stadt. In der Tat ist dieser Gegensatz nicht so,wie er scheint. Der Neoliberalismus im allgemeinen und der Thatcherismus insbesondere waren klug genug, die Sprache der Freiheit zu sprechen, während geschlossene bürokratische Systeme zum Wohle privater Gewinne einer Elite manipuliert wurden.Auch aus meiner Erfahrung als Planer weiß ich, dass sich in London sowie in New York am lautesten die Bauunternehmer über Flächennutzungsbeschränkungen beklagen, die genau diese Regeln geschickt auf Kosten der Gesellschaft anwenden. Der Unterschied zum geschlossenen System ist ein anderes Gesellschaftssystem, keine brutale freie Wirtschaft, sondern ein System, das offen ist, nicht geschlossen. In dieser Abhandlung möchte ich die Eigenschaften eines solchen offenen Systems und seiner Realisierung in einer offenen Stadt untersuchen.

DAS OFFENE SYSTEM
Die Idee des offenen Systems stammt nicht von mir:Der Verdienst dafür geht an die große Urbanistin Jane Jacobs, die sich gegen die Stadtvision von Le Corbusier aussprach. Sie wollte nachvollziehen, was passiert,wenn an öffentlichen und privaten Orten,wie z.B. auf vollen Straßen und Plätzen,Menschen und Unterschiede aufeinander treffen. Diese Bedingungen schaffen unerwartete Begegnungen, zufällige Entdeckungen, Innovation.

Jacobs Sichtweise wird am besten durch William Empsons Worte widergegeben, der sagte: „Die Künste entstehen aus der Überfüllung.“ Jacobs versuchte bestimmte Strategien der Stadtentwicklung zu definieren, nachdem sich die Stadt von den Einschränkungen des Gleichgewichts oder der Integration befreit hätte. Diese beinhalten z.B. die Förderung sonderbarer, billiger Adaptationen oder Anbauten an bereits existierende Gebäude oder Ermutigung zur Nutzung öffentlicher Räume, die nicht sauber zusammenpassen, so z.B. ein Platz für ein AIDS-Hospiz mitten in der Einkaufsmeile. Ihrer Ansicht nach neigen Großkapitalisten und einflussreiche Bauunternehmer dazu, die Homogenität zu favorisieren: alles genau festgelegt, vorhersehbar und in ausgewogenen Formen. Daher ist es Aufgabe des durchgreifenden Planers, sich für Dissonanzen einzusetzen. In Jacobs berühmter Erklärung heißt es: „“Wenn Dichte und Vielfalt Leben hervorbringen, dann ist dieses Leben unordentlich.”“ Demnach fühlt sich die offene Stadt wie Neapel, die geschlossene wie Frankfurt an.

Lange Zeit wähnte ich mich mit meiner Arbeit glücklich im Schatten von Jacobs. Dies traf sowohl auf ihre Ablehnung des geschlossenen Systems zu (obwohl das formale Konzept nicht ihres, sondern meins ist), als auch auf ihr Eintreten für Komplexität,Vielfalt und Dissonanz. Als ich letztens wieder ihre Texte las, sah ich etwas durch diesen klaren Kontrast durchscheinen.Wenn Jane Jacobs eine solche städtische Anarchistin ist,wie so oft gesagt wird, dann ist sie eine Anarchistin besonderer Art, deren geistige Nähe zu Edmund Burke größer ist als zu Emma Goldmann. Jacobs glaubt, dass in einer offenen Stadt genauso wie in der Natur soziale und visuelle Formen durch zufällige Variationen mutieren.Menschen können mit Veränderungen dann am besten umgehen, an ihnen beteiligt sein oder sich an sie anpassen,wenn diese Schritt für Schritt vonstatten gehen. Dies ist langsame, evolutionäre städtische Zeit,welche die städtische Kultur braucht, um Wurzeln zu schlagen und gestärkt zu werden, so dass sie Chancen und Veränderungen abfedern kann. Dies ist der Grund, warum ressourcenarme Städte wie Neapel,Kairo oder die East Side von New York nach wie vor „funktionieren“, dass die Menschen dort ihre Städte lieben. Die Menschen nisten sich in diese Orte regelrecht ein. Die Zeit stärkt die Bindung an den Ort. Ich fragte mich,welche Art visueller Gestaltung diese Zeiterfahrung fördern könnte. Können diese Bindungen von Architekten entworfen werden? Welche Art Gestaltung könnte aufgrund ihrer Wandlungs- und Entwicklungsfähigkeit dauerhafte soziale Beziehungen fördern? Die visuelle Strukturierung evolutionärer Zeiträume ist eine Systemeigenschaft der offenen Stadt.Mit der Beschreibung dreier solcher Systemelemente möchte ich auf den eben erwähnten Standpunkt näher eingehen.Diese sind: I. Durchgangsbereiche II.Unvollständige Gestaltung III. Darstellung von Entwicklung 1. Durchgangsbereiche Ich möchte beschreiben,wie man die Bewegung durch verschiedene Bereiche der Stadt erlebt, denn durch diese Bewegung lernen wir die Stadt als Ganzes kennen, aber auch,weil es für Planer und Architekten so schwierig ist, diese Bewegung von Ort zu Ort zu gestalten. Ich beginne mit Mauern, Strukturen,welche die Bewegung zu hindern scheinen, und anschließend untersuche ich, in welcher Weise die Ränder städtischer Bereiche wie Mauern funktionieren.

a.Mauern
Die Mauer scheint zunächst eine unpassende Wahl zu sein. Sie ist ein städtisches Bauwerk, das die Stadt buchstäblich einschließt.Bis zur Erfindung der Artillerie fanden die Menschen bei Angriffen Zuflucht hinter Mauern.Die Tore in den Mauern regulierten zudem den einströmenden Handel und waren oft der Ort, an dem die Steuern kassiert wurden. Massive mittelalterliche Mauern,wie z.B. die noch bestehenden in Aix-en-Provence oder in Rom, liefern ein vielleicht irreführendes Allgemeinbild. Die antiken griechischen Mauern waren niedriger und dünner.Wir haben aber auch eine falsche Vorstellung davon,wie diese mittelalterlichen Mauern funktionierten. Obwohl sie die Stadt auch einschlossen, dienten sie dennoch als Orte unregulierten Bauens in der Stadt. Häuser wurden zu beiden Seiten der mittelalterlichen Stadtmauern gebaut. Inoffizielle Märkte, die Schwarzmarktware oder unversteuerte Güter anboten, schmiegten sich dicht an die Mauern.Ketzer, Flüchtlinge und andere Außenseiter lebten in der Nähe der Mauern,weit weg von der Kontrolle des Zentrums. Dies waren Orte, zu denen sich die anarchistische Jane Jacobs hingezogen gefühlt hätte.

Es waren jedoch auch Orte, die möglicherweise gut zu Jacobs’ organischem Naturell gepasst hätten. Diese Mauern funktionierten wie Zellmembranen, da sie sowohl durchlässig als auch widerstandsfähig waren.Diese Doppelfunktion der Membran ist meiner Ansicht nach ein wichtiges Prinzip zur Visualisierung städtischer Formen des modernen Lebens.Wenn wir eine Barriere bauen, müssen wir diese auch durchlässig machen. Die Trennung zwischen innen und außen muss durchdringbar,wenn nicht sogar fließend sein. Die gewöhnliche moderne Anwendung von Glasscheiben wird dem nicht gerecht. Man kann zwar auf der untersten Etage ins Gebäude sehen. Es ist jedoch nicht möglich, das Innere des Gebäudes zu berühren, zu riechen oder zu hören.Die Glasscheiben sind meistens fest eingebaut, und es gibt nur einen regulierten Eingang. Dies führt dazu, dass sich auf keiner Seite dieser transparenten Mauern sehr viel entwickelt.Wie im New Yorker Seagram-Gebäude von Mies van der Rohe oder Sir Norman Fosters neuer City Hall in London ist auf beiden Seiten der Mauer toter Raum, und das Leben akkumuliert sich hier innerhalb des Gebäudes. Im Gegensatz dazu verwendete der Architekt Louis Sullivan viel einfachere Glasscheiben in flexiblerer Weise und setzte diese als Einladung zu Begegnungen, zum Eintritt oder zum Verweilen am Rande ein – seine Glasscheiben dienen als durchlässige Mauern.Dieser Gegensatz in der Gestaltung von Glasscheiben ist ein Beispiel für den Mangel an Fantasie, bei der Verwendung eines modernen Materials einen kontaktfördernde Wirkung zu erzielen. Das Konzept einer zellenartigen Wand, die sowohl widerstandsfähig als auch durchlässig ist, kann von einem Einzelgebäude auf Bereiche erweitert werden, in denen sich die unterschiedlichen Gemeinschaften einer Stadt begegnen.

b.Grenzen
Ökologen wie Steven Gould machen uns auf eine wichtige Unterscheidung in der Natur aufmerksam, nämlich die zwischen Rändern und Grenzen. Der Rand ist eine Linie, an der Dinge enden, während an der Grenze verschiedene Gruppen miteinander interagieren. In Ökologien sind Grenzen die Orte, an denen Organismen durch das Zusammentreffen verschiedener Arten oder physischer Bedingungen interaktiv werden.Dort,wo zum Beispiel das Ufer eines Sees auf Festland trifft, ist eine aktive Zone des Austausches.Hier treffen Organismen auf andere Organismen und ernähren sich von ihnen. Das Gleiche gilt auch für Temperaturschichten innerhalb eines Sees. Dort,wo die Schichten aufeinander treffen, liegt die Zone der stärksten biologischen Aktivität. Es überrascht also nicht, dass die natürliche Selektion ebenfalls an dieser Grenzlinie am stärksten ist. Wohingegen der Rand z.B. ein von Löwen- oder Wolfsrudeln bewachtes Territorium ist. Der Rand stellt Abgeschlossenheit dar, während die Grenze eher wie eine mittelalterliche Mauer funktioniert. Die Grenze ist ein Schwellenraum. Ähnlich bestehen Bereiche in unserer Kultur ebenfalls aus Rändern und Grenzen. Vereinfacht kann man sagen, dass es in Städten einen Kontrast zwischen eingeschlossenen Gemeinschaften und komplexen, offenen Straßen gibt. In der Städteplanung ist diese Unterscheidung jedoch tief greifender. Wenn wir uns vorstellen,wo Gemeinschaftsleben stattfindet, suchen wir zunächst immer im Zentrum der Gemeinschaft. Wenn wir das Gemeinschaftsleben fördern möchten, versuchen wir das Leben im Zentrum zu intensivieren.Der Rand wird eher als inaktiv erachtet, und in der Tat schafft moderne Stadtplanungspraxis starre, undurchlässige Ränder, z.B. indem die Ränder von Gemeinschaften mit Autobahnen „versiegelt“ werden.

Die Vernachlässigung der Randbedingungen – des Rand-Denkens – bedeutet, dass der Austausch zwischen unterschiedlichen ethnischen und gesellschaftlichen Gruppen vermindert wird.Durch Bevorzugung des Zentrums schwächen wir die komplexen Wechselwirkungen, die zum Zusammenführen der unterschiedlichen Menschengruppen notwendig sind. Die durchlässige Wand und der äußere Rand als Grenze stellen unerlässliche physische Elemente des offenen Systems in Städten dar. Sowohl durchlässige Wände als auch Grenzen schaffen einen Schwellenraum. Das bedeutet Raum an den Grenzen der Überwachung, Grenzen, die das Auftreten unvorhersehbarer Dinge,Handlungen und Personen zulassen, die dennoch konzentriert und ausgerichtet sind. Der Biologiepsychologe Lionel Festinger beschrieb einst die Perspektive zu solchen Schwellenräumen „peripheraler Sicht“.Aus soziologischer und urbanistischer Sicht funktionieren diese Orte anders als die, die Unterschiede in ihrem Zentrum zu-sammenführen.Am Horizont, an der Peripherie und an der Grenze stechen Unterschiede hervor, denn es ist uns bewusst, dass dort die Grenze zu einem anderen Bereich überquert wird.

2. Unvollständige Gestaltung
Die Erörterung über Mauern und Grenzen führt logischerweise zu einer zweiten systematischen Eigenschaft der offenen Stadt, nämlich zur unvollständigen Gestaltung.

Unvollständigkeit scheint der Feind der Struktur zu sein, doch dies ist nicht der Fall. Der Architekt muss physische Gestaltungen bestimmter Art schaffen, die in besonderer Weise „unvollständig“ sind.Wenn wir zum Beispiel eine Straße entwerfen, auf der die Häuser von der Straße zurückgesetzt sind, so ist der verbliebene Platz davor doch nicht wirklich öffentlicher Raum. Stattdessen wurde das Gebäude von der Straße entfernt.Wir kennen die praktischen Folgen: Fußgänger neigen dazu, diese zurückgesetzten Räume zu meiden. Es ist planerisch besser, das Gebäude nach vorn und in den Kontext anderer Gebäude zu bringen.Obgleich das Gebäude somit Teil der Stadtstruktur wird, sind einige räumliche Elemente des Gebäudes nun unvollständig offen gelegt. Es gibt also etwas Unvollständiges in der Wahrnehmung darüber, worin das Objekt besteht.

Unvollständigkeit von Gestaltung erstreckt sich auch auf den Kontext der Gebäude selbst. Im antiken Rom bestand das Panthenon von Hadrian neben den weniger angesehenen Gebäuden in der Umgebung, obwohl seine Architekten das Panthenon als Objekt mit eigener Integrität begriffen.Die gleiche Art von Koexistenz findet man auch bei vielen anderen Baudenkmälern, z.B. bei der Londoner St.-Pauls-Kathedrale, dem New Yorker Rockefeller-Center oder dem Pariser Maison Arabe – alles großartige architektonische Werke,welche aber die Umgebung zum Bauen anregen. Es ist dieser Anreiz, der im städtischen Sinne zählt, nicht die Tatsache, dass die umgebenden Bauten von weniger hoher Qualität sind: die richtige Positionierung eines Gebäudes, sodass es die Entwicklung anderer Gebäude in seiner Umgebung fördert.Und so erlangen die Gebäude ihren spezifischen städtischen Wert durch ihre Beziehung zueinander.Mit der Zeit werden sie, für sich allein betrachtet, zur unvollständigen Gestaltung.

Unvollständige Gestaltung ist vor allem ein kreatives Credo. In der darstellenden Kunst wird dies durch bewusst unvollendete Skulpturen vermittelt, in der Dichtung durch die „Konstruktion des Fragments“, wie Wallace Steven es ausdrückt. Der Architekt Peter Eisenman hat in seinem Konzept der „leichten Architektur“ versucht, etwas von diesem Credo umzusetzen. In seiner Vorstellung kann zu dieser Architektur ergänzt werden oder, noch wichtiger, sie kann mit der Zeit und mit der Änderung der Wohnungsbedürfnisse verbessert werden.

Dieses Credo steht in unmittelbarem Gegensatz zum Konzept des Ersetzens von Formen, einem typischen Merkmal der brüchigen Stadt. Es ist jedoch ein anspruchsvolles Credo, so zum Beispiel, wenn ein Bürogebäude in ein Wohnhaus umgestaltet werden soll.

3. Darstellung von Entwicklung
Das Ziel unserer Arbeit als Stadtentwickler ist hauptsächlich, die Darstellung der städtischen Entwicklung zu gestalten. Das bedeutet, dass wir uns auf die Phasen konzentrieren, in denen sich ein bestimmtes Projekt entfaltet. Insbesondere versuchen wir zu verstehen, welche Elemente zuerst stattfinden sollten und welche Folgen dieser Schritt haben wird. Anstatt im Gleichschritt in Richtung eines einzigen Zieles zu marschieren, betrachten wir die verschiedenen und gegensätzlichen Möglichkeiten, die von jedem Gestaltungsschritt eröffnet werden. Indem diese Möglichkeiten und die Gegensätze beibehalten werden, wird das Gestaltungssystem geöffnet. Wir erheben keinen Originalitätsanspruch für diese Vorgehensweise.Wenn ein Schriftsteller am Anfang eines Romans ankündigen würde, was genau passiert, wie die Darsteller sind und was die Aussage der Geschichte ist, würden wir das Buch auf der Stelle wieder zuklappen. Eine gute Geschichte hat die Eigenschaft, das Unvorhersehbare zu erforschen und zu entdecken. Es liegt in der Kunst des Autors, diesen Prozess der Erforschung zu gestalten. Die Kunst des Stadtplaners ist so ähnlich.

Zusammenfassend kann ein offenes System als ein solches definiert werden, in dem Wachstum Konflikte und Dissonanzen ermöglicht. Diese Definition ist auch der Kern von Darwins Evolutionstheorie. Demnach betont er, dass Wachstum nicht das Überleben der Gesündesten (oder der Schönsten) ist, sondern ein fortwährender Kampf zwischen Gleichgewicht und Ungleichgewicht. Eine starre und statische Umwelt ist mit der Zeit dem Untergang geweiht.Biologische Vielfalt hingegen gibt der Natur die nötigen Mittel und Möglichkeiten zur Veränderung. Diese ökologische Sichtweise gilt auch für menschliche Siedlungen, sie prägte jedoch nicht die Staatsplanung des 20. Jahrhunderts. Weder Kapitalismus noch Sozialismus förderte das Wachstum nach Darwins Verständnis von der Natur – einer Umwelt,welche die Wechselwirkung zwischen Organismen unterschiedlicher Funktionen und Kräfte ermöglicht.

4. Demokratischer Raum
Wenn die Stadt als offenes System funktioniert, d. h. die Prinzipien von räumlicher Durchlässigkeit, unbestimmter Beschreibung und unvollständiger Form vereint, kann sie, nicht im gesetzlichen Sinn, jedoch als physische Erfahrung als demokratisch angesehen werden. Früher konzentrierte sich das demokratische Denken auf formale Staatsführung. Heute geht es dabei um Bürgerrechte und Partizipation. Partizipation ist eng mit der physischen Gestaltung der Stadt verbunden. So verwendeten z.B. die Athener in der antiken Polis die halbkreisförmigen Theater für politische Zwecke. Diese architektonische Form bot nicht nur eine gute Akustik und klare Sicht der debattierenden Redner, sie ermöglichte auch die Wahrnehmung der Antworten anderer während der Debatten.

Heutzutage gibt es kein ähnliches Modell demokratischen Raums – und gewiss keine klare Vorstellung über einen städtischen demokratischen Raum. John Locke definierte Demokratie als ein Bündel von Gesetzen, die überall praktiziert werden könnten. Nach Ansicht von Thomas Jefferson steht Demokratie im Gegensatz zum Leben in Städten. Er glaubte, dass die für die Demokratie notwendigen Räume nicht größer sein könnten als ein Dorf. Seine Sichtweise besteht nach wie vor. Im 19. und 20. Jahrhundert haben Verfechter der demokratischen Praxis diese mit kleinen Gemeinden und persönlichen Kontakten verglichen.

Die Stadt von heute ist groß, voller Migranten und geprägt von ethnischer Vielfalt, in der die Menschen durch ihre Arbeit, Familie, Konsumgewohnheiten und Freizeitgestaltung gleichzeitig zu vielen verschiedenen Gemeinschaften gehören. Das Problem der Partizipation in immer globaler werdenden Städten wie London oder New York besteht darin,wie Menschen sich anderen verbunden fühlen können, die sie gezwungenermaßen nicht kennen.Demokratischer Raum bedeutet die Schaffung eines Forums für die Interaktion dieser sich fremden Menschen.

Ein gutes Beispiel dafür bietet London. Dort wurde zwischen der St.-Pauls-Kathedrale und der Tate Modern Gallery ein Übergang geschaffen – die Neue Millenniumsbrücke. Obwohl stark definiert, ist dieser Übergang nicht geschlossen gestaltet. Entlang des Nord- und des Südufers der Themse erzeugt er eine Regeneration der von seinem Zweck und seiner Gestaltung völlig unabhängigen Längsbebauung. Fast unmittelbar nach seiner Eröffnung regte dieser Übergang innerhalb seiner Grenzen ungezwungene Begegnungen und Verbindungen zwischen Menschen an, die diesen Bogen überquerten. Er ermöglichte einen entspannten Umgang zwischen Fremden – die Grundlage für das wahrhaftig moderne Wir-Gefühl. Das ist demokratischer Raum.

Das Problem der Partizipation, dem Städte heute begegnen, ist, wie an weniger spektakulären Orten solch ein Gefühl der Verbundenheit zwischen Fremden geschaffen werden kann. Die Aufgabe liegt in der Gestaltung öffentlicher Räume in Krankenhäusern, in städtischen Schulen, in großen Bürokomplexen, bei der Erneuerung von Hauptstraßen und vor allem an Orten, an denen Regierungsarbeit stattfindet. Wie können solche Orte offener gestaltet werden? Wie kann die Trennung zwischen innen und außen überbrückt werden? Wie kann Gestaltung neues Wachstum erzeugen? Wie kann optische Form zu Engagement und Identifikation einladen? Dies sind die brennenden Fragen, mit denen sich die Städteplanung im Zeitalter der Städte auseinandersetzen muss.

Richard Sennett, Professor of Sociology, London School of Economics and Massachusetts Institute of Technology

Übersetzt aus dem Englischen von Julia Máté